Schwerpunkt
Kreislaufwirtschaft
Arbeit im Kreislauf: Gute Jobs im grünen Umbau?
Die Fakten sind klar: Ein Strukturwandel in Richtung Klimaneutralität ist notwendig, um die Lebensgrundlage zukünftiger Generationen zu sichern. Die Kreislaufwirtschaft gilt als zentraler Baustein der sozialen und ökologischen Transformation. Angesichts der Klimakrise, Ressourcenknappheit und geopolitischer Abhängigkeiten rückt sie zunehmend in den Fokus. Produkte sollen langlebiger sein und nach Gebrauch repariert, wiederverwendet und schließlich recycelt werden. Während die ökologischen Vorteile breit diskutiert sind, bleibt eine entscheidende Frage oft im Hintergrund: Welche Arbeit entsteht in der Kreislaufwirtschaft?
Kreislaufwirtschaft als Zukunftssektor für grüne Jobs
Das Konzept „Kreislaufwirtschaft“ verspricht, viele der Herausforderungen auf dem Weg in eine klimaneutrale Gesellschaft zu bewältigen. Angesichts der vorhersehbaren technologischen Veränderungen sowie der aktuellen geopolitischen und ökonomischen Lage hat die Kreislaufwirtschaft das Potenzial, die Ressourcenabhängigkeit und -knappheit zu minimieren.
In der Abfallwirtschaft und der Reparaturbranche finden sich die „klassischen“ Kreislaufwirtschaftsjobs. Diese Wirtschaftssektoren werden in Zukunft noch wesentlicher werden und damit das „grüne“ Beschäftigungspotenzial ausweiten. Ein Bereich mit besonderem Potenzial ist das Batterierecycling. Mit dem Hochlauf der Elektromobilität wächst die Notwendigkeit, kritische Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Nickel zurückzugewinnen. Batterierecycling könnte zudem die Treibhausgasemissionen in der Batterieproduktion um 80 Prozent senken. So entsteht ein neuer Industriezweig an der Schnittstelle von Chemie, Industrieproduktion und Logistik, der auch einen Beitrag zum Klimaschutz leistet.
Die erste Generation von BEV (Battery Electric Vehicles) tritt jetzt in die Phase ein, in der ihre Batterien ersetzt werden müssen. Dadurch stehen riesige, wertvolle Werkstoffpotenziale in Europa zur Verfügung. Wir haben also die Chance, mit einem entsprechenden industriellen Kreislauf die Abhängigkeit von Rohstoffen aus China, Lateinamerika und Afrika zu reduzieren. Dafür ist allerdings eine massive Kraftanstrengung erforderlich, um diese Kompetenz im industriellen Maßstab aufzubauen.
Die Kreislaufwirtschaft schafft auch Arbeitsplätze in anderen Branchen. EU-weit wird z. B. im Abfallsektor bis 2030 ein Zuwachs von 700.000 Jobs erwartet. Diese Jobs sind wichtig, um den Strukturwandel in der Industrie zu begleiten und langfristig Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen bzw. zu sichern. Man denke etwa auch an die Gastronomie und Hotellerie und die dort notwendige Ressourcenschonung und -weiterverwendung. Auch in der Raumplanung wird das Konzept des Flächenrecyclings immer wichtiger. In diesem Sinne bietet die Kreislaufwirtschaft somit Chancen für Investitionen, Innovation und Standorterhalt – vor allem, wenn bestehende Infrastrukturen weiterhin genutzt bzw. ausgebaut werden können.
Arbeitsbedingungen in der Kreislaufwirtschaft
Die Arbeitsrealität in der Kreislaufwirtschaft ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von hochautomatisierten Anlagen bis zu körperlich belastender Handarbeit. Gerade in der Sammlung und Sortierung sind Beschäftigte häufig mit schwierigen Bedingungen konfrontiert. Wir können und dürfen nicht übersehen, dass viele Tätigkeiten, vor allem im Abfall- und Wiederverwendungssektor, risikoreich und schwer sind und die Arbeitnehmer:innen potenziellen Gesundheitsrisiken aussetzen. Dazu zählen hohe körperliche Belastungen, Lärm, Staub und der Umgang mit potenziell gefährlichen Stoffen. Auch Unfallrisiken sind nicht zu unterschätzen. Gleichzeitig stehen viele Beschäftigte unter erheblichem Zeitdruck.
Als neuer, innovationsgetriebener Sektor ist die Kreislaufwirtschaft ein Bereich mit laufender Veränderung. Es mangelt allerdings teilweise an konkretem Wissen und an Strategien, um Gesundheitsschutz und gute Arbeitsbedingungen zu erreichen. Um diese Lücke zu schließen, muss der Arbeitnehmer:innenschutz zum zentralen Thema werden. Dazu sind zunächst die gezielte Datenerhebung und Analyse der Arbeitsbedingungen wichtig sowie die Einbindung und Mitbestimmung der Arbeitnehmer:innen und ihrer Betriebsräte. Sicherheitsvertrauenspersonen können hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Um die Betriebe für die sich neu ergebenden Gefahren und Belastungen zu sensibilisieren, hat das Arbeitsinspektorat 2026 den Schwerpunkt „Green Jobs“ gesetzt. Der Fokus liegt dabei auf Abfallwirtschaft und Recyclingunternehmen. Die private Abfallwirtschaft beschäftigt zurzeit über 27.000 Arbeitnehmer:innen. Die neuen Aufgabenfelder und Tätigkeiten, die im Kontext des grünen Wandels entstehen, sollen auch im Sinne des Arbeitsschutzes nachhaltig – und somit gesund und sicher – sein.
Herausforderungen für die Etablierung der Kreislaufwirtschaft
Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Kreislaufwirtschaft sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig zu gestalten. Klare politische Rahmenbedingungen sind eine Voraussetzung dafür, eine faire Entlohnung zu sichern. Im Sinne eines gerechten Strukturwandels müssen die Etablierung der Kreislaufwirtschaft als Transformationssektor und die Gewährleistung guter Arbeit aufeinander abgestimmt werden. Die Abstimmung dieser komplexen wirtschaftlichen, juristischen und gesellschaftlichen Systeme ist nie einfach.
Ein Problem ist der hohe Kostendruck entlang der Wertschöpfungskette. Recycling steht oft im Wettbewerb mit günstigen Primärrohstoffen. Deren Preise sind allerdings nur deshalb so niedrig, weil die Folgekosten der Rohstoffgewinnung und ihres nicht nachhaltigen Einsatzes sowie die daraus resultierenden Klimaschäden nicht eingerechnet werden. Dieser Konkurrenzdruck wird nicht selten an die Beschäftigten weitergegeben. Die fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen erlauben dies leider.
Um dem entgegenzuwirken, sind verbindliche Standards für gute Arbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette notwendig. Dazu zählen strenge Vorgaben im Arbeits- und Gesundheitsschutz ebenso wie faire Entlohnung und sichere Beschäftigungsverhältnisse. Öffentliche Förderungen sollten zudem stärker an soziale Konditionalitäten, wie beispielsweise gute Arbeitsbedingungen, geknüpft werden. Zudem können Maßnahmen wie ein „Made-in-Europe“-Bonus oder das Lieferkettengesetz die europäische Kreislaufwirtschaft und Wertschöpfung stärken und gleichzeitig Lohndumping sowie die Verlagerung von Arbeit in Niedriglohnländer einbremsen.
Die Rolle der Gewerkschaften
Gewerkschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie stehen vor der Aufgabe, neue Branchen zu organisieren sowie Kollektivverträge und Mitbestimmung zu stärken. Gleichzeitig geht es darum, Qualifizierung und Umschulung aktiv zu gestalten, um Beschäftigte in den Wandel einzubeziehen. Studien zeigen zudem, dass vor allem weniger qualifizierte Arbeitnehmer:innen in den Branchen der Kreislaufwirtschaft oft nicht gewerkschaftlich organisiert sind und unter schlechten Arbeitsbedingungen arbeiten. Gewerkschaften versuchen nicht nur sicherzustellen, dass Arbeitsbedingungen gut sind und verbessert werden; sie sorgen auch dafür, dass dadurch die Produktivität steigt.
Die Kreislaufwirtschaft hat das Potenzial, ein zentraler Jobmotor der sozialen und ökologischen Transformation zu werden. Doch dieses Potenzial realisiert sich nicht von selbst. Die bisherigen Entwicklungen zeigen ein widersprüchliches Bild: Neben innovativen Tätigkeiten entstehen auch prekäre Beschäftigungsformen mit hohen Belastungen. Entscheidend wird daher sein, die Transformation aktiv zu gestalten. Gute Arbeit muss von Anfang an mitgedacht und politisch abgesichert werden. Denn nur wenn ökologische und soziale Ziele gemeinsam verfolgt werden, kann die Kreislaufwirtschaft zu einem tragfähigen Modell für die Zukunft werden.
