Schwerpunkt
Kreislaufwirtschaft
„Recycling ohne konsequente Kreislaufwirtschaft löst keine Umweltkrisen“
Haben die großen planetaren Krisen – Klimaerhitzung, Artensterben und Verschmutzung – nicht eine gemeinsame Wurzel darin, dass die Menschheit zu viele Ressourcen verbraucht, die dann nach Gebrauch als Müll und Emissionen wieder ausgesondert werden?
Absolut. Während wir im Jahr 1900 rund 7 Milliarden Tonnen Material der Natur entnahmen, waren es 1970 bereits über 30 Milliarden jährlich. Um 2000 waren es dann schon 60 Milliarden, also eine Verdoppelung in 30 Jahren. Bereits zu dieser Zeit war klar, dass dieser hohe Verbrauch an Metallen, fossilen Energieträgern, Bau- und Industriematerialien sowie Biomasse in immer tiefere planetare Krisen führt. 2024 hatten wir einen Ressourcenverbrauch von 107 Milliarden Tonnen. Während der Ressourcenverbrauch um 1900 noch vom raschen Biomassedurchfluss dominiert war, wurden in den letzten Jahrzehnten sehr viele Bestände, wie Straßen, Häuser und digitale Endgeräte, aufgebaut. Mit diesen determinieren wir schon jetzt den Ressourcenverbrauch der Zukunft, weil deren Betrieb laufende Instandhaltung und viel Energie braucht.
Eine Antwort wäre Recycling …
Recycling als Strategie ähnelt „End-of-the-Pipe“-Maßnahmen, bei denen man etwa einen Filter am Schornstein anbringt. Solange der Ressourcenverbrauch derart steigt und Materialien in Infrastrukturen und Produkten angehäuft werden, fallen ja nicht ausreichend wertstoffhaltige Abfälle an, um die vielen erforderlichen Rohstoffe nennenswert zu ersetzen. Zudem kann ein Großteil der gesammelten Materialien nicht wieder zu gleichwertigen Produkten verarbeitet werden. Oft erfolgt ein Downcycling und vieles wird verbrannt. Recycling macht daher nur als Teil einer ernstzunehmenden Kreislaufwirtschaft Sinn. Dafür muss der hohe Ressourcenverbrauch in Ländern wie Österreich schrittweise verkleinert werden. Dies erfordert ein konsequentes Design langlebiger, instandhaltungsarmer und wiederverwendbarer Produkte und Infrastrukturen. Die können dann am Lebensende dank klugem Design zumindest in Teilen rezykliert werden. Konsequente Verkleinerung und Verlangsamung des Ressourcenflusses in Österreich könnte den Anteil geschlossener Kreisläufe von derzeit zehn Prozent auf 34 Prozent des Ressourcenverbrauchs erhöhen.
An welchen Hebeln müsste für die Durchsetzung der Kreislaufwirtschaft angesetzt werden?
Lassen Sie mich vier Aspekte skizzieren: Erstens müssen die internationalen Institutionen gestärkt werden, um verpflichtende Übereinkommen mit einem Ressourcenreduktionsziel für die verschiedenen Materialgruppen zu erreichen. Selbstverständlich brauchen wir den Ausstieg aus der Fossilenergie, sie allein macht 15 Prozent des Ressourcenverbrauchs aus. Wir brauchen aber auch eine Verschiebung des Diskurses von ökonomischem Wachstum zu verbesserter Lebensqualität, wie Zeitwohlstand und mehr Gesundheit. Und viertens brauchen wir eine sozial-ökologische Steuerreform, die Arbeit steuerlich stark entlastet und Material und Energie entsprechend ihren negativen Umweltwirkungen spürbar belastet.
Wo steht Österreich bei der Kreislaufwirtschaft?
Ganz am Anfang. Die Kreislaufwirtschaftsstrategie genießt derzeit bei den zentralen Akteuren der Regierung leider keine Priorität, geschweige denn, dass die Konfliktbereitschaft besteht, sie gegen mächtige Lobby-Gruppen von Industrie und wirtschaftsnahen Expert:innen durchzusetzen. Vielmehr ist erkennbar, dass das althergebrachte und irreführende Denkmuster „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s allen gut“ handlungsleitend ist. Stattdessen sollte die Frage „Was braucht ein gutes Leben für alle?“ gestellt werden. Die ökologische, soziale und wirtschaftliche Antwort darauf würde das simple, überholte Denkmuster auf den Kopf stellen. FJ
