Schwerpunkt
Kreislaufwirtschaft
Konsument:innen für die Kreislaufwirtschaft gewinnen
Nachhaltig konsumieren bedeutet mehr, als nur ökologische und faire Produkte zu kaufen. Bei der Kreislaufwirtschaft geht es im Gegensatz zur herkömmlichen, linearen Wirtschaft darum, auch anders zu konsumieren. Prinzipiell stehen Konsument:innen hier viele Handlungsmöglichkeiten offen: Sie können Produkte wiederverwenden, leihen, tauschen oder auch selbst herstellen. Nachhaltiger Konsum bedeutet, Produkte lange zu nutzen, sie entsprechend zu warten und zu reparieren. Nach dem Ende der eigenen Nutzung sollte das Produkt möglichst einer direkten weiteren Verwendung zugeführt werden, denn Reuse spart im Vergleich zu Upcycling (Aufwertung durch Wiederverwendung) und Recycling mehr Ressourcen. Diese beiden Optionen sollten daher erst am Ende bedacht werden, wenn das Produkt nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand verwendet werden kann.
Prinzipien der Kreislaufwirtschaft
Die einzelnen Hebel der Kreislaufwirtschaft sind in den „10 R-Zielen“ aufgelistet und ihre Integration in den Alltag möglichst vieler Menschen ist angesichts der spürbaren Klimakrise und Ressourcenknappheit notwendig. Es bleibt jedoch die Frage, ob Konsument:innen aktuell ausreichend Möglichkeiten zur Teilnahme an der Kreislaufwirtschaft haben und ob sie nicht allzu oft mit widersprüchlichen Zielen konfrontiert werden.
Beginnen wir mit dem Rethink, so bedeutet dies, Produkte neu zu denken, zirkulär zu designen und intensiver zu nutzen. Hier stehen zunächst die Hersteller:innen in der Verantwortung, Produkte länger haltbar und reparierbar zu gestalten. Um nachhaltige Konsumpraktiken zu ermöglichen, sind entsprechende materielle Voraussetzungen nötig, die durch gesetzliche Regulierungen vorgegeben werden müssen. Die relevanteste ist die Ökodesign-Rahmenverordnung der EU, die 2024 überarbeitet wurde. Grundsätzlich können mit ihr an alle Produkte Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwertbarkeit gestellt werden. Einerseits werden dabei Maßnahmen für Produktgruppen festgelegt, andererseits sollen Informationen über positive oder negative Auswirkungen Konsument:innen bei Kaufentscheidungen helfen. Im Jahr 2025 wurde eine Regulierung für Smartphones veröffentlicht. Dabei gibt es Mindestkriterien, beispielsweise hinsichtlich der Mindestlebensdauer der Batterie oder verpflichtender Softwareupdates für einen bestimmten Zeitraum. Gleichzeitig erhalten Käufer:innen anhand eines Labels Informationen über die Reparierbarkeit oder die Robustheit des Smartphones. Weitere europäische Regulierungen wie das „Recht auf Reparatur“ oder die „Stärkung der Verbraucher:innen für den ökologischen Wandel“ sind ebenso wichtige Hebel. Sie schaffen die Voraussetzungen, damit Konsument:innen an der Kreislaufwirtschaft partizipieren können.
Rethink richtet sich aber auch unmittelbar an die Konsument:innen. Ein wesentlicher Beitrag zur Ressourcenschonung ist eine lange Nutzungsdauer des Produktes. Studien zeigen, dass diese oft unter der tatsächlichen Lebensdauer der Konsumgüter liegt, da die „frühzeitige Obsoleszenz“ der Produkte Konsument:innen zu Neukäufen treibt. Hauptgrund ist zwar nach wie vor, dass das Gerät aufgrund eines Schadens ersetzt wird, aber immer schneller kommen Produkte aus der Mode, da vermeintlich innovativere Produkte auf den Markt kommen. Umso wichtiger wäre es daher, noch gebrauchsfähige Produkte weiterhin zu verwenden oder dem Reuse zuzuführen.
Reparieren macht Freude
Gerade bei selten genutzten Gütern kann Leihen oder gemeinsames Nutzen besser sein als eigener Besitz. Am kommerziellen Markt lassen sich Werkzeug, Sportgeräte oder anlassbezogene Kleidung wie Hochzeitsoutfits leihen, aber auch Waschküchen im kommunalen Wohnbau wären ein Beispiel. Öffentliche Büchereien sind in Österreich weit verbreitet. Bei 1.500 Büchereien in rund 2.000 Gemeinden darf von einer Flächendeckung gesprochen werden. Bibliotheken der Dinge hingegen, in denen Alltagsgegenstände wie Werkzeug, Reise- oder Kochutensilien ausgeborgt werden können, sind selten. Während solche Bibliotheken in anderen Ländern wie Großbritannien schon weit verbreitet sind, gibt es in Österreich nur eine Handvoll Angebote. Zwar finden sich hierzulande auch entsprechende Online-Plattformen, um Dinge auszuleihen, aber damit Teilen tatsächlich eine Alternative zum Neukauf wird, bräuchte es eine bessere Infrastruktur, die für Konsument:innen attraktiv ist.
War die Verwendung von Gebrauchtem vor einigen Jahren teilweise noch mit sozialer Scham behaftet und wurde dies eher von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen betrieben, wird Reuse heutzutage in allen Schichten praktiziert. Laut einer im Jahr 2025 erhobenen Studie der Universität Linz hat die Hälfte der Befragten innerhalb der letzten zwölf Monate etwas Gebrauchtes gekauft. Die Infrastruktur ist im Vergleich zu anderen nachhaltigen Angeboten breiter aufgestellt. Es gibt zahlreiche spezialisierte Online-Plattformen, Flohmärkte, stationäre Second-Hand Läden (darunter viele sozialwirtschaftliche Organisationen) und spezielle Refurbish-Händler:innen, die Gebrauchsspuren von Vornutzer:innen entfernen (z. B. bei Handys).
Ersatzkäufe werden von Unternehmen oftmals einfacher und attraktiver gemacht als das Reparieren, wodurch Letzteres an Bedeutung verloren hat. Für viele sind vor allem die hohen Kosten eine Barriere. Dabei lohnt es sich laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamts in den meisten Fällen ökonomisch und ökologisch, Haushaltsgeräte zu reparieren. Die regelmäßige Pflege, Wartung oder das Tauschen kleiner Ersatzteile kann eine Verbundenheit zu den Dingen schaffen und Alltagsreparaturen zur Gewohnheit machen. Reparieren fördert Empowerment, indem Menschen beim Reparieren, etwa im Repair-Café, neue Kompetenzen erwerben. Mit diesen Fertigkeiten verlängert sich die Lebensdauer von Gegenständen und die Autonomie der Menschen steigt. Reparieren in der Gemeinschaft stärkt die soziale Verbundenheit und kommt allen zugute. Auch das Repurpose (oder Upcycling) erfuhr vor etwa zehn Jahren einen neuen Aufschwung. Während auf der einen Seite alte Socken und Hemden zu Putztüchern umfunktioniert werden (Downcycling), kreieren Unternehmen mitunter neue Produkte, wie etwa Taschen aus alten LKW-Planen.
Herausforderungen und Grenzen
Kreislaufwirtschaft wird oft mit Recycling gleichgesetzt und ist in den Köpfen als sehr positives Element der Ressourcenschonung verankert. Recycling sollte jedoch erst ganz am Ende stehen, wenn andere Praktiken nicht mehr möglich sind. Vielen ist nicht bewusst, dass beispielsweise Mehrweg im Getränkebereich viel ressourcenschonender als PET-Recycling ist. Im Textilbereich wird Recycling als positiv beworben, grenzt aber oft an Greenwashing (siehe Heft 4/2025 der Wirtschaft und Umwelt).
Der einfachste, aber zugleich herausforderndste Teil dieses Kreislaufs liegt darin, weniger zu kaufen (Refuse). Politisch werden hier noch keinerlei Maßnahmen gesetzt. Im Gegenteil: Von Konsument:innen wird gefordert, mehr zu kaufen, um die (lineare) Wirtschaft und den westlichen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Hier müsste eine breite gesellschaftliche Wertedebatte ansetzen und die Muster hinterfragen: Werbung und Marketing suggerieren, dass Produkte Menschen einen bestimmten sozialen Status verleihen. Der Kaufdruck wird durch Social Media und sogenannte „Dark Patterns“ erhöht, die Menschen gegen ihre Interessen handeln lassen. Die Forschung zeigt, dass Konsum zwar bis zu einem gewissen Grad Wohlbefinden erhöhen kann, dieses Glück aber nicht linear mit mehr Konsum steigt, sondern bald seine Grenze erreicht. Überkonsum kann sogar krank machen (Kaufsucht). Eine solidarische Gesellschaft hingegen, die auf starken sozialen Beziehungen statt auf materiellem Besitz aufbaut, sowie ein starker Konsument:innenenschutz, der vor Gefahren schützt, sind hier wichtige Gegenstrategien. Konsument:innen werden derweil mit starken Widersprüchen konfrontiert: „Kaufe mehr – aber nachhaltig!“ Dies müsste von der Politik stärker adressiert und aufgelöst werden.
Letztlich braucht es mehr Angebote, damit alternative Konsumformen attraktiver und zum Mainstream werden. Dafür muss von politischer Seite Infrastruktur geschaffen und mögliche Synergien genutzt werden: Reparaturdienstleister könnten im gleichen Gebäude wie ein Tauschladen sein, der sich wiederum neben einem Second-Hand- oder Leihladen befindet. Einen solchen Ansatz setzt beispielsweise das Zukunftshaus Würzburg um. Dadurch würden diese Praktiken sichtbarer und gesellschaftlich akzeptierter. Kreislaufwirtschaft ist nämlich kein einseitiger Prozess, sondern lebt von der Partizipation aller gesellschaftlichen Akteur:innen. Besonders zivilgesellschaftliche Konsuminitiativen, wie Repair-Cafés oder Makerspaces, zeigen das Potenzial einer tragfähigen Kreislaufwirtschaft. Die Bevölkerung beweist hier ihr Engagement, das genutzt werden sollte, um Breitenwirksamkeit zu erlangen.
