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Kreislaufwirtschaft

Warum Kreislaufwirtschaft Jobs schafft und Ressourcen schützt

Der globale Wettbewerb um knappe Rohstoffe verschärft sich zunehmend. Europas starke Importabhängigkeit, etwa bei seltenen Erden oder Lithium, macht die Wirtschaft anfällig für Preisschwankungen, geopolitische Spannungen und Unterbrechungen von Lieferketten. Die EU rechnet damit, dass sich die Nachfrage nach seltenen Erden bis 2030 versechsfachen wird. Beim Lithium wird sogar ein Anstieg um das Zwölffache bis 2030 und um das Zwanzigfache bis 2050 erwartet. Die Frage der Versorgungssicherheit ist damit zu einer zentralen wirtschafts- und industriepolitischen Herausforderung geworden.

Gleichzeitig überschreitet unser gegenwärtiges Wirtschaftsmodell längst die ökologischen Grenzen. So hat sich in den letzten 50 Jahren der globale Ressourcenverbrauch verdreifacht und übersteigt bereits heute sieben von neun planetaren Grenzen. Die Gewinnung und Verarbeitung von Ressourcen ist für über 55 Prozent der gesamten CO2-Emissionen, für 40 Prozent der gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Feinstaub und für über 90 Prozent des Biodiversitätsverlusts und Wasserstresses verantwortlich. 

Kreislaufwirtschaft als systemischer Wandel

Vor dem Hintergrund des übersteigerten Ressourcenverbrauchs und dessen schädlicher Auswirkung auf Mensch und Natur rückt die Kreislaufwirtschaft zunehmend ins Zentrum wirtschafts- und umweltpolitischer Strategien. Auf europäischer wie nationaler Ebene wird sie als zentraler Ansatz verstanden, um Versorgungssicherheit zu stärken, Abhängigkeiten von Primärrohstoffen zu reduzieren und gleichzeitig ökologische Belastungen zu verringern. Entsprechende Zielsetzungen und Maßnahmen finden sich etwa sowohl im EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft (2020) als auch in der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie (2022) und der Wiener Kreislaufwirtschaftsstrategie (2025).

Der Begriff „Kreislaufwirtschaft“ wird dabei unterschiedlich definiert, im Kern geht es jedoch darum, das lineare Wirtschaftsmodell – produzieren, nutzen, wegwerfen – zu überwinden und Ressourcen möglichst lange im Umlauf zu halten. Dadurch wird nicht nur der hohe Ressourcenverbrauch am Beginn der Wertschöpfungskette reduziert, sondern auch die enormen Umweltbelastungen, die durch die großen Abfallmengen am Ende der Wertschöpfungskette entstehen. 

Die Maßnahmen lassen sich in drei Bereiche gliedern: Erstens sollten die Ressourcen sparsam eingesetzt, zweitens möglichst lange genutzt und drittens am Ende wiederverwertet werden. Zur Übersicht der einzelnen Maßnahmen wurden die „zehn Rs“ entwickelt (siehe Seite 14). Auf sie angewendet bedeutet Bereich eins die Reduktion des Ressourceneinsatzes mittels Refuse, Rethink, Reduce, Bereich zwei die Verlangsamung des Ressourcendurchsatzes mittels Reuse, Repair, Refurbish und Bereich drei die Schließung von Stoffkreisläufen mittels Recycle, Recover. Diese Maßnahmen stehen in einem klaren Hierarchieverhältnis: Vermeidung und Wiederverwendung sind besser als Recycling.

Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft ist somit nicht auf bestimmte Materialien oder Sektoren beschränkt. Vielmehr stellt er einen systemischen Wandel unserer gesamten Produktions- und Lebensweise dar. Ein rein technokratisches Verständnis der Kreislaufwirtschaft, das sich vor allem auf unternehmerische Prozessoptimierung und Recycling am Ende des Produktlebenszyklus konzentriert, schafft hingegen keine Abhilfe. 

Unrealistische Ziele

Die Vorstellung eines durch Recycling zu erreichenden perfekten Kreislaufs ist in der Realität nicht umsetzbar. Dies beginnt schon bei der Sammlung von Abfällen: Für einen vollständigen Kreislauf wäre eine lückenlose Erfassung nötig, die in der Praxis nicht zu erreichen ist. Auch das Recycling selbst ist durch unvermeidbare Materialverluste (Abrieb oder Rost) sowie chemische und physikalische Gesetze begrenzt. So lassen sich komplexe, eng verbundene Mehrstoffgemische etwa aus Elektrogeräten nicht mit vertretbarem Aufwand in alle Einzelteile trennen. Hinzu kommt, dass auch sinnvolle und gut durchführbare Recyclingprozesse selbst wiederum Ressourcen benötigen, die mit Umweltbelastungen einhergehen. 

Schließlich lässt sich das Problem des Ressourcenverbrauchs auch nicht durch bestmögliche Recyclingprozesse lösen, solange die Stoffströme, die kontinuierlich in den Kreislauf eingespeist werden, weiter steigen. Deshalb sind relative Recyclingquoten allein weder ein Gradmesser für den Erfolg auf dem Weg hin zu einer Kreislaufwirtschaft noch ein ausreichendes Instrument, um den Ressourcenverbrauch langfristig zu reduzieren. Dies kann nur gelingen, indem absolute Reduktionsziele festgelegt werden. 

Chancen für Wirtschaft und Beschäftigung

Die Kreislaufwirtschaft setzt genau an den strukturellen Schwächen des linearen Systems an. Indem Materialien länger genutzt und wiederverwendet werden, sinkt der Bedarf an Primärrohstoffen. Das stärkt die Versorgungssicherheit, stabilisiert Lieferketten und verlagert Wertschöpfung näher an den Ort der Nutzung. 

Auch wirtschaftlich eröffnet sie neue Perspektiven. In Österreich wächst die Kreislaufwirtschaft bereits stärker als die Gesamtwirtschaft und trägt mit rund 4,1 Milliarden Euro mehr zur Bruttowertschöpfung bei als die Stahlindustrie. Allein in der Abfall- und Ressourcenwirtschaft sind über 30.000 Menschen beschäftigt. EU-weit könnten bis 2030 rund 700.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen und das BIP um knapp 0,5 Prozent steigen. Diese positiven Beschäftigungseffekte ergeben sich unter anderem daraus, dass Tätigkeiten wie Reparatur, Wiederverwendung und Recycling deutlich arbeitsintensiver sind als lineare Produktionsweisen. Neue Jobs entstehen etwa in Reparaturwerkstätten, im Refurbishment von Elektronik oder bei der Aufbereitung von Baumaterialien. 

Gleichzeitig werden in rohstoffintensiven Branchen wie dem Bergbau, der Chemikalien- oder der Metallverarbeitung deutliche Verschiebungen stattfinden. Die Primärrohstoffgewinnung könnte bald an Bedeutung verlieren, während zugleich entlang zirkulärer Wertschöpfungsketten neue Tätigkeiten entstehen – von der Demontage komplexer Produkte über die Sortierung und Aufbereitung von Materialien bis hin zum Design kreislauffähiger Produkte. Die zahlreichen neu entstehenden Beschäftigungen in der Dienstleistung sind jedoch oft schlechter abgesichert als Tätigkeiten in Industrie oder Bergbau. Zudem können plattformbasierte Modelle zusätzliche prekäre Beschäftigungsformen fördern. Entscheidend ist daher, dass der Ausbau zirkulärer Geschäftsmodelle mit klaren arbeits- und sozialpolitischen Standards einhergeht.

Politische Gestaltung des Umbaus

Damit die Kreislaufwirtschaft ihr Potenzial entfalten kann, braucht es mehr als einzelne Fördermaßnahmen. Sie erfordert einen strukturellen Umbau der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das bestehende System ist weiterhin stark linear ausgerichtet und begünstigt den Verbrauch neuer Ressourcen gegenüber ihrer Wiederverwendung. Genau hier muss die Politik ansetzen.

Zentral ist daher ein verbindlicher rechtlicher Rahmen, etwa in Form eines nationalen Kreislaufwirtschaftsgesetzes mit klaren Reduktions- und Ressourcenzielen, eindeutigen Verantwortlichkeiten und konkreten Umsetzungsfristen. Ein solcher Rahmen gibt Planungssicherheit. Gemeinsam mit Global 2000 und dem ÖKOBÜRO hat die AK bereits einen Vorschlag für ein solches Gesetz vorgelegt (siehe Nachricht "Ressourcen neu denken").

Aufbauend darauf ist eine aktive Industriepolitik notwendig, die diesen Umbau gezielt gestaltet. Die Kreislaufwirtschaft verschiebt Wertschöpfung und Beschäftigung zwischen den Sektoren: Während rohstoffintensive Branchen unter Anpassungsdruck geraten, entstehen neue Beschäftigungsmöglichkeiten in Reparatur, Wiederverwendung und Recycling. Diese Verschiebungen müssen politisch begleitet werden, insbesondere durch eine gezielte Qualifizierungs-, Aus- und Weiterbildungsstrategie, um gute Arbeit im Strukturwandel zu sichern. Nur wenn der wirtschaftliche Umbau zur Kreislaufwirtschaft zu mehr Gerechtigkeit und Verbesserungen für die Vielen führt, kann er die notwendige Akzeptanz finden.  

Märkte für Kreislaufwirtschaft schaffen 

Damit diese neuen Geschäftsmodelle überhaupt entstehen können, müssen auch die Marktbedingungen verändert werden. Derzeit sind Primärrohstoffe häufig günstiger als Sekundärmaterialien, da die ökologischen Kosten nicht eingepreist sind. Eine stärkere Einbeziehung dieser Kosten sowie der Abbau umweltschädlicher Subventionen sind daher zentrale Voraussetzungen, um zirkuläre Geschäftsmodelle wettbewerbsfähig zu machen.

Gleichzeitig erfordert der Umbau erhebliche Investitionen. Laut einer Studie der Europäischen Kommission und der Europäischen Investitionsbank sind in der EU bis 2040 zusätzliche Investitionen in Höhe von mehr als einer Billion Euro notwendig. Es gilt daher einerseits, öffentliche Investitionen in die Kreislaufwirtschaft zu erhöhen. Andererseits braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen, um zirkuläre Geschäftsmodelle zu stärken und so private Investitionen in die Kreislaufwirtschaft zu steigern. 

Ebenso wichtig ist der Aufbau der physischen und digitalen Infrastruktur, die eine Kreislaufwirtschaft praktisch erst ermöglicht. Dazu zählen neben funktionierenden Systemen für Reparatur, Wiederverwendung und gemeinschaftliche Nutzung auch digitale Instrumente für die Nachverfolgung von Materialien und den Handel von Sekundärrohstoffen.

Die Kreislaufwirtschaft ist schließlich eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Sie erfordert die Zusammenarbeit von Politik, Unternehmen und Beschäftigten. Gerade Arbeitnehmer:innen verfügen über entscheidendes Erfahrungswissen über Produkte und Prozesse. Ihre Einbindung sowie starke Mitbestimmung sind daher zentrale Voraussetzungen für eine sozial gerechte und wirtschaftlich tragfähige Kreislaufwirtschaft.