Interview: „Die großen Zukunftsfragen sind nur demokratisch zu lösen“

Die aktuelle weltpolitische Lage zeigt die immer noch hohe Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Haben wir die Energiewende verschlafen?

Nein, ganz im Gegenteil. Die Energiewende ist in Wien in vollem Gange. Das ist auch gut so, weil sie enorm wichtig für unsere Lebensqualität ist. Die Stadt ist voller Beispiele dafür. In der Großen Neugasse im 2. Bezirk hat mir ein Bewohner vor ein paar Monaten seine Wohnung gezeigt. Seit Umstellung auf Wärmepumpen seien die Heizkosten um 25 Prozent gesunken und er könne seine Wohnung im Sommer klimafreundlich kühlen. Wir sehen den positiven Effekt der Energiewende auf unser Leben schon jetzt live. Deshalb halten wir am Gasausstieg fest und wollen schrittweise Klimaneutralität erreichen. Am Ende profitieren alle, weil wir uns dem schlechten Schauspiel am internationalen Energiemarkt nicht mehr aussetzen müssen. 

Zehntausende Gasthermen müssen dann in Wien weg. Lassen die sich durch Geothermie ersetzen?

Erdwärme ist eine der wichtigsten Technologien für klimafreundliches Heizen und Kühlen und wir kommen beim Ausbau sehr gut voran. Es gibt in Wien bereits mehrere Häuser, die Energie aus Erdwärme ziehen, wie ein Sozialbau in der Barawitzkagasse im 19. Bezirk. Dort sind Gasthermen Geschichte, dank einer Kombination aus Wärmepumpe und Sonnenstrom. Wien fördert Geothermie stark, bis 2030 sollen rund 200.000 Haushalte damit beheizt und gekühlt werden können. Auch beim Sonnenstrom brechen wir Rekorde: Schon jetzt produzieren wir in Wien so viel davon, dass rund 100.000 Haushalte mit sauberem Strom versorgt werden können. So produzieren wir Energie im eigenen Land und sorgen damit für stabilere Energiepreise. 

Sind der Stadt bei ihren klimapolitischen Ambitionen durch Bundeskompetenzen die Hände gebunden? 

Allerdings. In Wien tun wir, was geht, dennoch brauchen wir auch Unterstützung vom Bund, wo – auch dank SPÖ-Beteiligung – sehr viel erreicht worden ist. Ich möchte hier einmal mehr auf die Notwendigkeit eines Bundes-Klimaschutzgesetzes mit fixem Ausstiegsdatum aus fossilem Gas hinweisen und dass es eben auch Änderungen wesentlicher Gesetzestexte braucht (Gaswirtschaftsgesetz, Mietrechtsgesetz) in Kombination mit einer breiten Förderunterstützung.

Im letzten Jahr war Wien „Europäische Demokratiehauptstadt“. Aktuelle Studien zeigen leider, dass eine Mehrheit der Jugendlichen nicht mehr an ein Funktionieren demokratischer Institutionen glaubt. Wie holt man die zurück? 

Ich bin überzeugt: Die Jugendlichen sind nicht gegen die Demokratie. Aber sie sind enttäuscht davon, wie sie sich anfühlt: langsam, fern, ohnmächtig gegenüber großen Krisen. Jugendliche haben ein Sensorium dafür, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben. Kriege, Klimakrise, Teuerung, digitale Oligarchie und eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich prägen ihren Erfahrungshorizont. Die Politik muss deshalb Handlungsfähigkeit beweisen und vermitteln, dass die großen Zukunftsfragen nur demokratisch zu lösen sind. Das schließt aber mit ein, dass die Jugendlichen auch mitbestimmen können. Leider dürfen in Wien mehr als 40 Prozent der 16- bis 24-Jährigen nicht wählen, weil sie nicht die österreichische Staatsbürger:innenschaft haben. Daher poche ich seit vielen Jahren darauf, den Zugang zur Staatsbürger:innenschaft zu erleichtern. Damit das Vertrauen in die Demokratie wieder steigt, ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zentral. Wir in Wien gehen daher den Weg, die Stadtentwicklung partizipativ zu gestalten. Angefangen beim Wiener Klimateam über die Lokale Agenda 21 Wien haben wir in den vergangenen Jahren die Angebote zur niederschwelligen Beteiligung im Grätzl stark ausgebaut.

Das Jahr 2025 wurde auch zum „Jahr der Kreislaufwirtschaft“ in Wien ernannt. Wie läuft die in Wien und was würde sich die Stadt hier von Bund und EU wünschen?

Wir sind in Wien in vielen Dingen schon Vorreiter: Wir setzen auf die Wieder- und Weiterverwendung von Produkten, die Reduktion von Abfall und haben uns als Stadt strikte Vorgaben in der öffentlichen Beschaffung gegeben. Mit unserer neuen Strategie „Zirkuläres Wien: Eine runde Sache“ haben wir 33 Hebel identifiziert, die jede Form von Verschwendung vermeiden sollen. Das beginnt mit nachhaltigem Konsum, einer Reparaturkultur und reicht bis zur Wiederverwendung gebrauchter Güter oder dem schonenden Umgang mit Bodenressourcen. In der EU wäre es wichtig, ein Deponierungsverbot umzusetzen, also Rohstoffe nicht zu vergraben, sondern stofflich und energetisch zu nutzen und damit das Klima doppelt zu schützen. Die Stadt Wien bringt sich bei der Entwicklung des EU Circular Economy Act ein, weil es für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft einen größeren Markt mit einheitlichen Standards braucht. Auf Bundesebene sollte im Sinne der Kreislaufwirtschaft geregelt werden, was zukünftig als Abfall gilt und was nicht, um die Kreislaufführung von Materialien und Produkten zu erleichtern. FJ