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Im Westen wird 
vorbildlich geradelt 

In Österreich werden derzeit nur rund 7% aller Wege mit dem Rad zurückgelegt und das obwohl gut die Hälfte aller Wege nur maximal 5 km betragen – eigentlich eine leicht zu bewältigende Fahrraddistanz. In den radbegeisterten Niederlanden liegt der Anteil beinah viermal so hoch bei 27%. Vor dem Hintergrund der Klimaziele 2030 gewinnt das Radfahren an Bedeutung. Die Klimastrategie Mission 2030 sieht die Verdoppelung des Radverkehrs auf 13 % bereits bis 2025 vor. Der Verkehrssektor ist einer der Hauptverursacher für Treibhausgasemissionen. Um Umweltauswirkungen und Verkehrsbelastungen zu reduzieren, hat die Verlagerung von Autoverkehr auf Fuß- und Radverkehr  insbesondere bei kürzeren Distanzen  große Bedeutung, so der Sachstandsbericht Mobilität des Umweltbundesamts. Zur Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen gibt die Klimastrategie keinen Hinweis, 2018 wurden sogar rückwirkend die Bundesmittel des Klimaaktiv-Radförderprogramms für Radinfrastruktur für Städte und Gemeinden gestrichen. Ein bundesweites Radverkehrsbudget gibt es nicht. 

Vor- und Spitzenreiter Vorarlberg

Über Österreich verteilt, wird das Rad ganz unterschiedlich stark als Alltagsverkehrsmittel verwendet – allen voran Vorarlberg mit 16% Radverkehrsanteil. Vorarlberg liegt damit bereits jetzt über dem österreichischen Zielwert von 13% im Jahr 2025. Kein anderes Bundesland erreicht einen annähernd hohen oder gar zweistelligen Wert. Wovon andere Bundesländer bezüglich Fahrradanteil nur träumen können, setzt sich bei weiteren Kennzahlen fort: es gibt keinen wie sonst in den Daten aufscheinenden Gender Gap beim Radfahren. In Vorarlberg radeln Frauen und Männer anteilsmäßig gleich viele Wege. Auch Kinder und Jugendliche sind beim Radeln stark vertreten.  Eine Vielzahl an (ökonomischen, raumstrukturellen, sozialen, psychologischen) Faktoren beeinflussen die Verkehrsmittelwahl der Menschen. 

Wie macht Vorarlberg also das Radfahren so attraktiv? Die jahrzehntelange Förderung des Radverkehrs und der Radinfrastrukturausbau zeigt offenbar Wirkung. Bereits in den 1990-er Jahren fand die erste „Fahr Rad“-Kampagne statt. Aber auch bei den ersten Radanhänger- und E-Bike-Förderungen lag Vorarlberg voraus. Die Stärke von guten Kombinationsmöglichkeiten von ÖV und Rad wurde früh erkannt und gefördert. Als eines der ersten Bundesländer setzte Vorarlberg auch mit einer eigenen Radverkehrsstrategie dezidiert einen Schwerpunkt in der Verkehrspolitik. Auch in Sachen Rad-Budget liegt Vorarlberg österreichweit voran und hat im Vergleich mit den anderen Bundesländern im Verhältnis zur EinwohnerInnenzahl die höchsten Ausgaben für das Radverkehrsnetz von gut € 7 pro EinwohnerIn. Niederösterreich und das Burgenland liegen hier bei unter € 1,5/EW (vgl. Masterplan Radfahren 2015-2025), bei europäischen Radstädten wie etwa Kopenhagen gibt es wiederum rund € 30/EW an Radbudget. Die Forcierung des Radverkehrs wird auch in der aktuellen Vorarlberger Radstrategie „Kettenreaktion“ fortgesetzt. Diese setzt auf gute und komfortable Radinfrastruktur – von Radwegschnellverbindungen zwischen größeren Zentren, über ein Grundnetz, zwischen wesentlichen Zielen, bis hin zum kommunalen Straßen- und Wegenetz in radfreundlichen und verkehrsberuhigten Gemeinden. Dort wird selbständige und sichere Mobilität für alle, von Kindern bis SeniorInnen, ermöglicht. Auch Kooperation zwischen Verwaltungseinheiten wird großgeschrieben und zudem Betriebe und ArbeitsgeberInnen als PartnerInnen adressiert. Die Kombination von Rad und einem verlässlichem ÖV-Angebot wird als Alternative zum Auto verstanden, qualitätsvolle Radabstellplätze ausgebaut. Zudem gibt es ein klares Bekenntnis in Vorarlberg zu einer Radkultur mit dem Ziel hervorragende Bedingungen für die Radfahrenden zu schaffen. Der österreichweite Spitzenwert in Sachen Radverkehr reicht dem Land Vorarlberg aber bei Weitem nicht. Orientierung geben andere Städte und Regionen mit deutlich höheren Radverkehrsanteile. Bis 2030 lautet daher das selbstgesetzte Ziel: 21% Radanteil.  

Umwelt- und klimafreundlich unterwegs in Wien 

Von der österreichischen Fahrrad-Spitze geht der Blick nun in die Bundeshauptstadt, die mit einem starken Umweltverbund (Fuß-, Rad- und öffentlicher Verkehr) punktet. Die WienerInnen legen 71% ihrer Wege umweltfreundlich zurück. Allen voran liegen die Wiener Öffis mit 38 Prozent (Wiener Linien 2018). Das ist nicht nur österreichweit (17%; Vorarlberg 14 %; „Österreich unterwegs“ 2013/2014) sondern auch international gesehen ein absoluter Spitzenwert. Auch der Anteil der Wege auf zwei Beinen ist mit 26% stark – kurze Wege im Grätzl werden gerne zu Fuß gegangen. Weit abgeschlagen von anderen österreichischen und europäischen Städten steht Wien allerdings beim Radverkehrsanteil auf einem der hinteren Plätze, bei bescheidenen 7%. Auch wenn es durch kontinuierliche Verbesserungen der Bedingungen gelungen ist, den Radverkehrsanteil innerhalb der letzten 15 Jahre mehr als zu verdoppeln, liegt er seit 2014 konstant auf diesem Niveau (vgl. Mobilitätserhebung Wiener Linien). Bei Städten mit höherem Radverkehrsanteil, fällt auf, dass der ÖV dafür deutlich schwächer als in Wien ausgeprägt ist. So liegt  der Radverkehrsanteil in der für den gut funktionierenden Radverkehr bekannten Stadt Kopenhagen bei 29%. Die Öffis sind dort mit Wiener Bedingungen nicht vergleichbar und liegen bei nur 18%. Die große Konkurrenz zum Radfahren in Wien scheint der gut ausgebaute öffentliche Verkehr mit sehr kurzen Intervallen von U-Bahn, Bus und Straßenbahn zu sein. Klar ist, in Wien gibt es trotz stetigem Radinfrastrukturausbau noch große Lücken im Radverkehrsnetz. In vielen Stadtteilen fehlen zusammenhängende Radwege oder -routen. Zu einer qualitativ hochwertigen Infrastruktur, ist es auch wichtig die Radfahrkompetenz der Kinder zu steigern. Nur 20 % der Kinder haben etwa einen Radfahrausweis! Der Wiener Gemeinderat fasste 2013 einen Grundsatzbeschluss für steigenden Radverkehr. Eine gute Radwegoffensive fehlt jedoch und wäre dringend nötig!

Fahrrad-Potenzial Arbeitsweg

Arbeit als wichtigster Mobilitätsgrund in Österreich hat beim Radfahren viel Potenzial. Denn es gibt viele kurze Arbeitswege: etwa ein Drittel sind nämlich nur maximal 5 km lang. Aber trotz kurzer Distanzen werden nur 7% der Arbeitswege geradelt, 20% mit Öffis und 8% zu Fuß zurückgelegt. Für alle anderen wird das Auto genommen („Österreich unterwegs“ 2013/2014). In Sachen Gesundheit kann (aktive) Alltagsmobilität eine besondere Rolle spielen. Die Empfehlung für Erwachsene, um ihre Gesundheit zu fördern und aufrecht zu erhalten, lautet 2,5 Stunden Bewegung mittlerer Intensität pro Woche, so der Fonds Gesundes Österreich. Der Umstieg auf’s Rad hat also große Gesundheitseffekte.

Viele Betriebe setzen bereits auf attraktive, umwelt- und sozialverträgliche Mobilität für ihre MitarbeiterInnen. Durch betriebliches Mobilitätsmanagement oder auch im Rahmen von Gesundheitsmaßnahmen kann der Radverkehrsanteil der Beschäftigten  stark erhöht werden. Anreize wie ein kostenloses Radservice, ausreichend und sichere Radabstellplätze etwa mit Überdachung, oder auch Bonusanreizsysteme sind möglich. Die Förderung oder das zur Verfügung stellen von E-Bikes macht manchmal erst auf das Rad als Option aufmerksam. Denn so können weitere Distanzen bequemer oder Wege mit Steigung leichter zurückgelegt werden.

Bessere Bedingungen fürs Radfahren!

Vorarlberg ist in Sachen Radfahrförderung und Bewusstseinsbildung österreichweit einige Jahre voraus. Die Radfahr-Bedingungen sind so gut, dass sich deutlich mehr als die so genannten „strong and fearless“ am Rad als Alltagsverkehrsmittel sicher fühlen. Gerade baulich getrennte Radwege sind von besonderer Bedeutung. Nicht nur für Kinder und Radneulinge, sondern auch für im Alltagsverkehr Ungeübte bieten Radwege zunächst bessere Bedingungen als Straßen. Die Angst vor (zu knapp überholenden Autos) ist groß. Für gute Radinfrastruktur, die zum Radeln einlädt, bräuchte es ein gesichertes Budget. Von besseren Bedingungen fürs Radfahren profitiert das ganze Land: Denn jede RadlerIn mehr entlastet den ÖV bzw. reduziert den Autoverkehr und bedeutet weniger Abgase als Beitrag zur Erreichung der Klimaziele.