Schwerpunkt

Pestizide

Stummer 
Frühling 4.0

Für Aufsehen sorgte 1962 das Buch „Silent Spring“ der US-amerikanischen Biologin Rachel Carson. Darin malte sie ein düsteres Bild der Umweltschäden, die der weitläufige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verursachte. Der Titel des Buches bezieht sich auf den dramatischen Rückgang der Vogelbestände infolge der Pestizidanwendungen und den dadurch „stummen Frühling“. Seither wurden – meist nach langen Jahren der Diskussion – viele der ursprünglich gefeierten Chemikalien wegen ihrer Umweltgefährlichkeit oder ihrer Gefahren für die menschliche Gesundheit verboten. Doch an ihre Stelle treten laufend neue Substanzen, die vor allem in der Landwirtschaft als Pestizide – beschönigend auch „Pflanzenschutzmittel“ genannt – eine Rolle spielen.

Die drei wichtigsten Gruppen dabei sind

  • Insektizide, mit denen Pflanzen von der Aussaat bis zur Reife vor Insekten geschützt werden, die sich von der Pflanze ernähren wollen;
  • Herbizide, die gegen unerwünschte Pflanzen („Unkräuter“) eingesetzt werden, da diese eine Konkurrenz für die Kulturpflanze darstellen und so deren Ertrag mindern; und
  • Fungizide, die zum Schutz der Kulturpflanzen (vor allem im Obst- und Gemüsebau) vor einem Befall mit Pilzen dienen.

In Österreich gibt das Landwirtschaftsministerium (nun BMNT) jedes Jahr den „Grünen Bericht“ heraus, der unter anderem Daten über die in Österreich verkauften Pflanzenschutzmittel enthält. Demnach sind Fungizide mit etwa 55 Prozent die wichtigste Wirkstoffgruppe, gefolgt von Herbiziden mit 35 Prozent und Insektiziden mit 5 Prozent (ohne sogenannte Inertgase).

Nach Angaben der Statistik Austria gaben die Landwirte 2017 etwa 133 Millionen Euro für Pflanzenschutzmittel aus, etwas weniger als für Düngemittel (150 Mio. EUR) oder für Saatgut (174 Mio. EUR).

Dem Aufwand für Pflanzenschutzmittel steht ein höherer Ertrag gegenüber. Wie groß dieser Unterschied ist, darüber streiten BefürworterInnen und GegnerInnen der konventionellen Landwirtschaft. Eine Untersuchung der Universität für Bodenkultur für Österreich kommt zum Ergebnis, dass etwa bei Weizen aus Biolandbau der Ertrag um ein Drittel niedriger ist als bei konventionellem Landbau, bei Kartoffeln rund um die Hälfte.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Erträge im konventionellen Landbau in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen sind. Auf der gleichen Fläche wird heute dreimal so viel Weizen geerntet wie 1950. Bei Mais ist die Steigerung noch größer. Mehrere Faktoren sind für diese Entwicklung verantwortlich, so etwa der Einsatz von Kunstdünger, die Züchtung immer ertragreicherer Sorten, technologische Verbesserungen bei den verschiedenen Arbeitsschritten, aber eben auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Wegen des Verzichts auf Kunstdünger und Pestizide im Biolandbau gibt es dort keine vergleichbaren Ertragssteigerungen. 

Glyphosat im Rampenlicht

Das Herbizid Glyphosat stand in den letzten Jahren besonders im Licht der Öffentlichkeit, weil in Diskussion ist, ob es bei Menschen Krebs auslösen kann. Die Frage hat deswegen besonderes Gewicht, weil praktisch in allen Staaten Glyphosat das am meisten eingesetzte Herbizid ist. Diese überragende Stellung verdankt es mehreren Faktoren. In der EU füllte es teilweise die Lücke, die das Verbot von Atrazin im Jahr 2003 hinterließ. Weiters setzt sich im Ackerbau ein Verfahren durch, das als Direktsaat bezeichnet wird (engl.: zero tillage). Dabei wird – aus Gründen der Schonung des Bodens und der Vermeidung eines energieaufwendigen Arbeitsschritts – vor der Aussaat der Boden nicht umgepflügt. Da das Umpflügen aber auch der Bekämpfung von Unkräutern dient, müssen diese bei der Direktsaat anders bekämpft werden. In der konventionellen Landwirtschaft sind Herbizide wie Glyphosat das Mittel der Wahl.

Die wohl größte Bedeutung für den Siegeszug von Glyphosat hat aber die Gentechnik. Die US-Firma Monsanto entwickelte seit Mitte der 1990er Jahre mehrere Saatgutsorten von Mais, Sojabohnen, Baumwolle und Raps, die mit gentechnischen Methoden gegen Glyphosat widerstandsfähig (resistent) gemacht wurden. Dadurch können Unkräuter mit diesem Herbizid bekämpft werden, ohne dass die Nutzpflanze geschädigt wird. In den USA beträgt der Anteil von gentechnisch verändertem Mais mittlerweile über 90 Prozent; bei Sojabohnen sind es sogar 94 Prozent.

Die Schattenseite der damit einhergehenden massenhaften Verwendung von Herbiziden ist das Entstehen resistenter Unkräuter: Pflanzen, die weniger stark durch Glyphosat geschädigt werden als andere der gleichen Art, überleben eine Glyphosat-Behandlung eher und können sich fortpflanzen. Bald bleiben nur sie übrig, und durch zufällige Mutationen kann ihre Widerstandsfähigkeit gegen das Herbizid noch besser werden. Mittlerweile gibt es von allen wichtigen Unkräutern Glyphosat-resistente Varianten. Ein Ausweg für die Landwirte ist der Umstieg auf ein anderes Herbizid – und auf anderes gentechnisch verändertes Saatgut. 

Für die Industrie ist das ein Segen. Denn auf diese Weise ist die Nachfrage nach immer neuen Herbiziden garantiert. Dementsprechend ist die Pflanzenschutzmittelbranche auf Expansionskurs. 2017 betrug der weltweite Umsatz mit Pestiziden etwa 50 Milliarden Euro. Wie in anderen Industriebereichen auch, gibt es starke Konzentrationstendenzen in der Industrie. Im Jahr 2018 kaufte die deutsche Chemiefirma Bayer die US-amerikanische Monsanto und führt seither die Liste der umsatzstärksten Pestizidunternehmen an. Damit ist weiterhin die Herstellung von Pestiziden und von Saatgut für die dagegen resistenten Pflanzen in einer Hand.

Vielfalt von Flora und 
Fauna bedroht

Dem Nutzen der Pflanzenschutzmittel für die Landwirte stehen verschiedene Schäden gegenüber. Ackerbau verringert nicht nur auf dem Feld die Biodiversität drastisch, die Anwendung von Pestiziden hat auch im Umfeld negative Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen. Diese Wirkung kann direkt oder indirekt sein. So schädigen beispielsweise bestimmte Insektizide, die sogenannten Neonicotinoide, auch nützliche Insekten wie etwa Bienen. Erst nach längerer Diskussion wurden drei dieser Wirkstoffe in der EU im Jahr 2013 einer weitgehenden Beschränkung unterworfen.

Zusätzlich zu den direkten Schäden können indirekte Schäden auftreten, wenn etwa als Folge des Verschwindens bestimmter Blütenpflanzen durch Herbizide auch Insekten weniger werden. So wird etwa in den letzten Jahren diskutiert, welche Rolle Pestizide beim Rückgang der Gesamtmenge an fliegenden Insekten spielen, der in Deutschland beobachtet wird.

Neben den Umweltwirkungen der Pestizide spielen Gesundheitsschäden eine Rolle, einerseits bei den Menschen, die beruflich mit den Mitteln umgehen, andererseits bei den KonsumentInnen der Lebensmittel, auf denen sich Rückstände finden.

All diese Gefahren haben dazu geführt, dass Pflanzenschutzmittel schon seit langem einer strengen Kontrolle unterliegen. Sowohl die einzelnen Wirkstoffe als auch die Produkte müssen zugelassen sein, damit ihre Verwendung erlaubt ist. Seit 2009 ist dies in der EU-Verordnung 1107/2009 einheitlich geregelt. 

Zulassungsverfahren

Um dabei sicher zu stellen, dass auch neue Erkenntnisse gebührend berücksichtigt werden, müssen die Zulassungen der Wirkstoffe regelmäßig, maximal alle fünfzehn Jahre, erneuert werden. Ein Mitgliedstaat wird in diesem Verfahren damit beauftragt, die Daten zusammenzutragen und eine Bewertung vorzuschlagen. Dabei wird geprüft, ob die Mittel ausreichend wirksam sind und ob sie oder ihre Rückstände auf Lebensmitteln weder für Menschen und Tiere noch für die Umwelt inakzeptable Auswirkungen haben, auch nicht bei chronischer Belastung. Standardmäßig bewertet danach die EFSA (die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) diese Daten, und die Mitgliedstaaten empfehlen in einem eigenen Ausschuss, ob die Zulassung erteilt werden soll.

Weiters wurde 2009 auch eine Richtlinie (2009/128/EG) beschlossen, die einen „nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln“ in der EU anstrebt. Dazu sollen die Mitgliedstaaten regelmäßig Berichte liefern, in denen die Bemühungen zur Verringerung der Verwendung von Pestiziden dokumentiert werden. Angesichts der steigenden Absatzmengen von Pflanzenschutzmitteln wird klar, dass diese Richtlinie nicht mehr als ein frommer Wunsch ist. 

Wie sieht der Einsatz von Pestiziden in der Zukunft aus? Wird es weiterhin den Zyklus Neuentwicklung – Erfolgsgeschichte – Entdeckung von Schäden – Verbot des Mittels und Ersatz durch ein anderes, neueres geben? Kann es einen nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geben? Die mangelnde Zielgenauigkeit der Mittel und die Herausbildung von Resistenzen lässt Zweifel daran aufkommen. Also braucht es weiterhin eine möglichst informierte Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnerinnen einer Landwirtschaft, die unter dem Druck steht, immer mehr immer billiger zu produzieren.