Schwerpunkt

Klimaangst

„Wir brauchen demokratische Institutionen für den ökologischen und sozialen Wandel“

Die Aufbruchstimmung der Klima­ und Umweltbewegung ist verflogen. Wie gehen Aktivist:innen damit um? 

Ich würde hier zwischen Klima- und Umweltbewegung unterscheiden. Die Klimabewegung bildete eine neue Ju- gendbewegung. Teilweise verband sie sich mit bestehenden Strukturen der älteren Umweltbewegung, aber unter dem Banner ernsthaften Klimaschut- zes und einer lebenswerten Zukunft. Die Energie eines solchen Momen- tums ist schwer zu halten. Zudem ist die Klimakrise in ihrer Komplexität quasi der Endgegner einer jungen Bewegung. Eine Papierfabrik, die gif- tige Abwässer in einen Fluss leitet, ist ein brauchbares Feindbild, aber beim Thema Klimawandel wird zum Teil die Öffentlichkeit selbst zum Gegner. Also normale Leute, die mit dem Auto fah- ren. Als während Corona die mediale Aufmerksamkeit für das Thema Klima wegbrach, wurde es hart. Aktivist:in- nen erzählten mir, dass sie damals zu Selbsthilfegruppen für junge Men- schen mit Climate Anxiety mutierten. Allerdings möchte ich festhalten, dass viele der damaligen Schüler:innen die Themen Umwelt- und Klimaschutz in ihr Studium oder ihren späteren Beruf getragen haben. Die Klimabewegung war somit prägend für eine ganze Generation.

Ob in Zwentendorf oder Hainburg, der Umweltaktivismus in Österreich konnte ja bereits die Welt verändern– nicht wahr?

Ja, in den 1970er und 1980er Jahren konnten viele Bauprojekte durch die aufkommende Umweltbewegung verhindert werden. Diese Zeit war ein Fenster der Möglichkeiten und des gesellschaftlichen Dialogs in Umweltfragen. Der Begriff „Umwelt“ erschien auf der Bildfläche und wurde mit einer anderen Bedeutung gefüllt als zuvor die „Natur“. Doch bereits Ende der 1980er Jahre kippte für den Umweltaktivismus auf der Straße die Stimmung. Vorwürfe, es handle sich um Terrorismus, kamen auf. Ab Mitte der 1990er Jahren setzten Industrie- und Kapitalinteressen den Ansatz durch, dass Umweltschutz die private Verantwortung der Konsument:innen sei und bei Kaufentscheidungen im Supermarkt erfolge. Leider konnten in den goldenen Jahren der Umwelt- bewegung keine demokratischen Institutionen geschaffen werden, die effektiv das Wirtschaften zu einem „gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur“ ausformten, wie es die Soziale Ökologie nennt.

Was könnte die Politik durch den Umweltaktivismus eigentlich lernen? 

Ich würde die Politik weniger als einen einheitlichen Block verstehen, sondern vielmehr als ein Spielfeld gesellschaft- licher Kräfte und deshalb die Frage zuspitzen: Wie kann sich bestmöglich in Österreich eine Allianz zwischen an Umweltschutz und an sozialer Gerech- tigkeit interessierten Kräften bilden? Ein machtvoller „Labour-Environmen- talism“, der die Zusammenhänge die- ser beiden Anliegen klar formuliert und demokratische Institutionen einfordert, um Maßnahmen auch durchzusetzen. Der Plan für den sozialen und ökolo- gischen Umbau der Arbeiterkammer Wien ist dazu bereits ein guter Beitrag. Wir brauchen dringend eine solche Allianz für ein echtes österreichisches Klimaschutzgesetz, das sowohl Klima und Umwelt als auch arbeitende Men- schen und Menschen mit Sorgeverant- wortungen schützt!

Würden Sie sagen, dass Umwelt­ aktivismus dem Einzelnen hilft, seinem Leben Sinn zu geben und sich weniger machtlos zu fühlen?

Ja, das würde ich sagen. Aber nur, wenn es gelingt, sich weder am unbe- zahlten Aktivismus energetisch aus- zubrennen noch die Lust am Leben zu verlieren. Gerade für Aktivist:innen ist es essentiell, sich selbst und als Gruppe regelmäßig etwas Gutes zu tun. In zahlreichen Interviews, die ich mit älteren Menschen über ihr Leben und ihren Umweltaktivismus geführt habe, wurde angesprochen, wie sehr die Akti- vist:innen von ihrem Engagement profi- tiert haben. Viele haben das tatsächlich genauso gesagt, ohne diese Frage ge- stellt bekommen zu haben, die Sie mir hier stellen. Dabei ging es nicht nur um die durch den Aktivismus erlernten Fä- higkeiten oder um die Freundschaften, die daraus erwachsen sind, sondern einige haben mir von innerer Stärke, Zugehörigkeit und der Verbundenheit zur Welt um sie herum erzählt, die sie ihrem Umweltaktivismus verdanken. FJ