Schwerpunkt

Raum für gutes Leben

Wachsende Stadtregionen 
unter Druck

Städte und ihr Umland wachsen, dieser Trend lässt sich weltweit beobachten und zeigt sich auch in Österreich. Die Abwanderung aus dem ländlichen Raum hat unterschiedliche Gründe, häufig ist der Arbeitsplatz ausschlaggebend, um in einen urbanen Raum oder ins Umfeld zu übersiedeln. Nahezu allen großen Städten wird von der Österreichischen Raumkonferenz (ÖROK 2018-2040) ein Bevölkerungswachstum prognostiziert. Besonders eindrücklich ist dieses Wachstum für den Großraum Wien. Laut Prognose wird die Stadt in den nächsten zwanzig Jahren um etwa 191.000 BewohnerInnen anwachsen, das entspricht beinahe der Einwohnerzahl von Linz. Wobei Linz selbst sowie Graz, Salzburg, Innsbruck, Bregenz, Klagenfurt und Villach ebenfalls wachsen werden.

Angespannte Situation auf den Wohnungsmärkten

Am Wohnungsmarkt der österreichischen Ballungszentren treffen zwei Entwicklungen aufeinander: erstens führt der starke Zuzug zu einer erhöhten Nachfrage und zweitens etablieren sich Immobilen als beliebteste Anlageprodukte. Die Leistbarkeit, die Zugänglichkeit und die Sicherheit der Wohnversorgung sind bedroht.

Hohe Wohnkostenbelastung

Während alle österreichischen Ballungszentren hohe Wohnkosten aufweisen, zeichnen sich Spitzenwerte zurzeit zum Beispiel in Vorarlberg ab, wo für 90% der Bevölkerung die Mietpreise eine große finanzielle Belastung darstellen. Vor allem Haushalte im Einkommensbereich unter 2.000 Euro, Frauen, Haushalte mit Kindern und Menschen mit geringer formaler Bildung leiden an den hohen Kosten. 

Preistreiber

In anderen Ballungszentren tragen spezielle Entwicklungen noch zu einer Zuspitzung der Wohnsituation bei. So wurden in Innsbruck etwa in den letzten Jahren vor allem die hohen Zahlen an Studierenden als preistreibend identifiziert. Von insgesamt ca. 132.000 EinwohnerInnen sind 30.000 zum Studieren in Innsbruck und bezahlen in Wohngemeinschaften in guten Lagen bis zu 28 Euro auf den Quadratmeter, also oft 650 Euro für ein Zimmer in einer WG. Die Stadt Salzburg hingegen verzeichnet allein im Jahr 2018 eine Gesamtzahl von über drei Millionen Nächtigungen. Airbnb Angebote in Salzburg sind räumlich stark auf die Innenstadt konzentriert, werden meist von professionellen AnbieterInnen betrieben und entziehen dem Wohnungsmarkt dauerhaft zentrale Wohnungen. In Wien stellt vor allem die Wohnungssuche am privaten Markt eine große Herausforderung für kleine Einkommen dar: neue Verträge gibt es nur mit ums Vielfache höhere Mieten und meist nur auf einige Jahre befristet.

Ausweg sozialer Wohnbau

Der Anteil an sozialen Wohnungen, also Gemeindewohnungen und gemeinnützigen Wohnungen, ist in den österreichischen Ballungszentren sehr unterschiedlich. Während etwa die Wohnungsmärkte in Graz, Salzburg, Innsbruck und Bregenz stark durch private Eigentums- und Mietwohnungen geprägt sind, weisen Linz und Wien jeweils Anteile von über 40% sozialen Wohnbaus auf. Dieser Bereich hat einen starken Einfluss auf die Leistbarkeit und Sicherheit der Wohnversorgung mit deutlich geringeren Durchschnittsmieten und unbefristeten Verträgen. Um die Zugänglichkeit zu diesem leistbaren Wohnraum zu gewährleisten, muss konstant viel sozialer Neubau stattfinden. So kann ein wichtiger Beitrag zur leistbaren Wohnversorgungen als zentrales Element der öffentlichen Daseinsvorsage geleistet werden.

Öffentlicher Raum

Neben der Bereitstellung von leistbarem Wohnraum ist auch das Wohnumfeld wichtig für die Lebensqualität. Hier spielt der öffentliche Raum, also die Straßen, Plätze und Parks der Stadt, eine zentrale Rolle. Er wird beispielsweise zu Mobilitätszwecken genützt, StadtbewohnerInnen wie Menschen aus dem Umland müssen täglich viele Wege zurücklegen. Gleichzeitig hat der öffentliche Raum aber auch eine wichtige soziale und kulturelle Funktion. Er dient dem Aufenthalt, zur Erholung, für Freizeitgestaltung, für Sport, Spiel und Bewegung und für kulturelle Nutzungen.

Flächenverteilung und Gestaltung

Zu bedenken ist allerdings, dass die öffentlichen Flächen im Stadtgebiet nicht gleichverteilt sind. Historisch gewachsene Städte haben dichter verbaute Stadtteile, die weniger Grün- und Erholungsflächen bieten und andere Gebiete, die signifikant mehr Freiflächen aufweisen. Der öffentliche Raum und dessen Gestaltung sind auch für die stadtklimatischen Entwicklungen von großer Bedeutung. Gerade in dicht verbauten Stadtvierteln kann es in der warmen Jahreszeit empfindlich heiß werden. Das ist besonders für ältere oder kranke Menschen eine gesundheitliche Belastung. Die Gestaltung von öffentlichen Räumen kann hier großen Einfluss nehmen.

Öffentliche Räume sind ebenso von Stadtwachstum betroffen wie andere Infrastrukturen, mit wachsender Bevölkerung steigt auch hier der Nutzungsdruck. Hohe Bodenpreise und begrenzt verfügbare Flächen führen dazu, dass sich mehr Menschen im selben Raum bewegen. Das kann mitunter zu Konflikten führen. So ist der öffentliche Raum für Gastgärten, Werbung, Großevents und andere kommerzielle Veranstaltungen ein begehrter Ort. Die StadtbewohnerInnen, die den Raum für kostenlose Aktivitäten nutzen wollen, können hier unter die Räder kommen, weil der Platz zunehmend eng wird. In Salzburg etwa gab es im Sommer diesen Jahres erste ernst zu nehmende Proteste seitens der Bevölkerung.

Lebenswerte Städte

Wachsende Stadtregionen haben eine Reihe von Aufgaben zu erfüllen. Bei der Verteilung der finanziellen Mittel zwischen Bund, Ländern und Gemeinden – dem Finanzausgleich –, sollten daher nicht nur die erhöhten Bedürfnisse von schrumpfenden Regionen berücksichtigt werden, sondern auch die vielseitigen Aufgaben der wachsenden Regionen. Außerdem braucht es Änderungen des aktuellen europäischen und österreichischen Budget-Regelwerks: Durch die Einführung der sogenannten Goldenen Investitionsregel, würden öffentliche Investitionsausgaben aus den aktuellen Grenzwerten für die Neuverschuldung ausgenommen. Dringend notwendige Investitionen werden so möglich. 

Lebenswerte Städte brauchen ein Zusammenspiel auf verschiedenen Ebenen, um eine gutes Leben für alle zu ermöglichen. Wohnen ist ein menschliches Grundbedürfnis, daher sollte es zentrale Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge sein. Es braucht dringend ausreichend öffentliche Förderung für adäquaten Neubau im kommunalen und gemeinnützigen Bereich und den Erhalt des sozialen Wohnungsbestands durch die Abschaffung der Mietkaufoption. Auch auf den privaten Markt muss eingewirkt werden durch eine Einschränkung der Befristungen von Verträgen und durch ein reformiertes Mietrecht mit klaren Mietpreisobergrenzen und ausgedehntem Anwendungsbereich. 

Auch öffentliche Räume sind im Sinne der Daseinsvorsorge zu erhalten, sie dürfen nicht privatisiert werden und müssen allen frei zugänglich sein. Im ganzen Stadtgebiet braucht es qualitätsvolle, nutzungsoffene, inklusive öffentliche Räume. Bei der Gestaltung müssen stadtklimatische Entwicklungen berücksichtigt werden, es braucht Begrünung und Beschattung, nicht versiegelte Böden und Wasserflächen zur Kühlung der Umgebung. Gleichzeitig müssen neue öffentliche Räume erschlossen werden, das können Flachdächer sein, die zur gemeinsamen Nutzung ausgebaut werden. Weiter muss auf Mehrfachnutzung schon bestehender Räume gesetzt werden, so könnten öffentliche Einrichtungen wie Volkshochschulen, Bezirks- und Stadtmuseen für neue Aktivitäten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch Schulsportplätze und -hallen sollten nach dem Unterricht allen zur Verfügung stehen.