Schwerpunkt

Agrarpolitik 
quo vadis?

Landwirtschaft und 
Biodiversität – ein Gegensatz?

Österreich ist größtenteils Kulturlandschaft – seit Jahrtausenden von Land- und Forstwirt*innen gestaltet. Die Urlandschaft ist auf Alpengipfel und wenige Urwaldreste beschränkt. Diese Urlandschaft schrumpft auch weltweit.

Lange haben sich Vögel und Insekten auf Feldern, Weiden und Mähwiesen mit dem Menschen arrangiert, auch kleine Säugetiere fanden Platz. Auerochs, Wisent und Wildpferd jedoch rottete der Mensch aus, vielerorts geht es auch Bär, Wolf, Luchs, Wildkatze und Greifvögeln an den Kragen.

Wildbienen, Honigbienen und Schmetterlinge werden für die Bestäubung von Obst und Gemüse geschätzt, Vögel fressen Schadinsekten und sind als Sänger beliebt. Weltweit bestäuben Insekten über 80 Prozent aller Pflanzenarten.

Zwischen Feldern und – bloß zwei- bis dreimal jährlich gemähten – Wiesen gab es noch vor 50 Jahren in Österreich und Europa ein Mosaik von Hecken, Bäumen, Feldrainen, Ackerbrachen, Feuchtwiesen und Streuobstwiesen.

Die Krise der biologischen Vielfalt

Um möglichst billig mehr Lebensmittel zu erzeugen, wurde im 20. Jahrhundert die Landwirtschaft industrialisiert: Felder wurden zusammengelegt, Feldraine und Hecken „bereinigt“, Feuchtflächen entwässert, Trockenflächen bewässert, Streuobstwiesen durch Niederstamm-Obstplantagen ersetzt, Äcker und Obstgärten mit Pestiziden gespritzt, sodass auch Nützlinge und deren Futterpflanzen getötet werden.

Schweine und Kühe wurden vermehrt mit Getreide bzw. Gras-Silage gefüttert, wobei mit der Gülle Äcker und Wiesen stärker gedüngt (Nitrat) wurden, um höhere Erträge zu erzielen. Wiesen wurden öfter gemäht – beides für die Vermehrung von Vögeln und Insekten fatal. Aus Blumenwiesen wurden einförmige „Grasäcker“. Beim zwei- bis dreimal jährlichen Heumachen mit Sense oder Balkenmäher konnten einst viele Tiere unverletzt flüchten, während nun bis zu sechsmal jährlich für Gras-Silage gehäckselt und alles mitfaschiert wird, was nicht flieht, vom Schmetterling bis zum Rehkitz.

Zudem konzentriert sich die Landwirtschaft nun auf wenige ertragreiche Nutztierrassen und Pflanzensorten. Alte Rassen und Sorten gerieten in Vergessenheit. Landschaften wurden einförmiger – überall wurde nun ähnlich produziert; blumenreiche Schafweiden verbuschten. Auf die Almen werden behäbige Kühe getrieben, die den Bereich um den Stall überdüngen, während die unzugänglicheren Flächen verwalden, sodass Bergblumen verdrängt werden. Aber auch das Versorgungsrisiko bei Pflanzenkrankheiten steigt durch die Verarmung an Rassen und Sorten. Von den einst etwa 4.000 Apfelsorten sind heute nur mehr ca. 20 wirtschaftlich bedeutend. Extrem ist es bei Dessertbananen: Über 95 Prozent des Welthandels entfallen auf eine einzige Sorte!

Nicht zuletzt stieg unser Fleischhunger. Tiere setzen Futter aber nur teilweise in Fleischzuwachs um – das meiste verbrauchen sie für ihr Dasein. Solange das Vieh Gras oder Küchenreste fraß, war das sinnvoll, aber viele Tiere bekommen nun Getreide und Soja, welches der Mensch besser selbst essen sollte. Hühner brauchen pro kg Fleischzuwachs über 3 kg Futter, Schweine über 6 kg und Rinder gar über 20 kg! Die Futteranbauflächen nahmen daher zu: in Europa wird Mais großteils verfüttert, oft muss Mais und Sojaschrot aus den USA und Brasilien (auch gentechnisch verändert) zugekauft werden. Und auch für Milch gilt: die wüchsigen „Grasäcker“ und Zufütterung sorgen für mehr Milch, aber auch mehr Gülle. Biodiversität wird durch den Fleischkonsum weltweit bedrängt.

Das Ergebnis

Die Produktion stieg, zu geringen Preisen, sodass es für Bäuer*innen hieß: härter wirtschaften oder zusperren. Immer weniger Großbetriebe bewirtschaften eine gleich bleibende Agrarfläche. 1954 gab man über 40 Prozent des Einkommens für Essen aus, heute weniger als 15 Prozent! „Geiz ist geil“ heizt die Effizienz-Spirale an.

Seit 1998 ging fast jeder zweite Feld- oder Wiesenvogel verloren. Wiesenvögeln geht es auf Bioflächen kaum besser, da ihnen häufiges Mähen und Düngen hier wie da schadet. Noch trauriger bei den Insekten: Sogar in Schutzgebieten brachen die Bestände um drei Viertel ein (siehe Kasten). Das zeigt auch, wie vernetzt die Landschaft ist: viele Tiere sind mobil und brauchen Korridore und Oasen, um sich fortzupflanzen und zu wandern. Zusätzlich weht es die auf Felder und Obstplantagen gesprühten Pestizide weiter als gedacht.

Die Wende

Ab den 1960-ern erkannten Umwelt­schützer*innen, aber auch manche Landwirt*innen, Medien und Politiker*­innen, dass es so nicht weitergehen kann. Immer mehr Betriebe – anfangs belächelt – stiegen auf „Bio“ um, andere auf alternative Getreide-, bzw. Obstarten und Gewürze. Initiativen wie „Arche Noah“ und „Arche Austria“ begannen, seltene vergessene Pflanzensorten und Nutztierrassen zu fördern.

Im Rahmen der „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (GAP) versuchen die EU und ihre Mitgliedstaaten, mit Agrarumweltprogrammen umzusteuern. Doch vor allem die ohne Umweltleistung gewährten Direktzahlungen förderten die weitere Industrialisierung mehr, als die teils ambitionierten Agrarumweltprogramme deren Folgen reparierten. Zwar hat sich das Feld- und Wiesenvogelsterben seit 2015 verlangsamt – ob die Talsohle wirklich erreicht ist, bleibt unklar. Die GAP sollte daher konkrete Umweltleistungen belohnen – „öffentliche Mittel für öffentliche Interessen“.

Auch der Lebensmittelhandel bekennt sich nun vermehrt zu seiner Mitverantwortung, die besonders im Preiskampf, Marketing und dem Druck auf die Landwirt*innen besteht. In Österreich werden über 20 Prozent der Agrarfläche biologisch bewirtschaftet – mehr für Milch, weniger für Getreide, Gemüse und Fleisch –, während die Österreicher*innen 10 Prozent Bioprodukte kaufen, der Rest geht in den Export. Regionale und saisonale Ware wird wieder Thema, was auch gut für das Klima ist. Und es gibt weitere Initiativen von Einzelhandel, Umwelt-NGOs und Landwirt*innen, um die Lücken, die die GAP lässt, zu schließen: „Heumilch“, „Wiesenmilch“, „Blühendes Österreich“, „Natur freikaufen“ und das Pestizidreduktionsprogramm.

Für die Politik bleibt aber viel zu tun. Der Brexit verkleinert das EU-Budget. Mächtige Agrarlobbys trommeln für Direktzahlungen, ohne dass damit öffentliche Interessen wie Wasserschutz, Naturschutz und Klimaschutz erfüllt werden, und bei Agrarumweltprogammen wird wohl eingespart werden. Forschungen zeigen, dass für den 
Biodiversitätschutz ein Anteil von über 10 Prozent der Agrarfläche zum Nutzen der Natur bewirtschaftet werden muss!

Letztlich liegt es in der Verantwortung von Politiker*innen, Landwirt*innen und Wähler*innen, ob weiterer Biodiversitätsverlust gestoppt wird. Wie die jährlich 
60 Mrd. Euro Agrarförderungen ausgegeben werden, wird derzeit intensiv diskutiert. Es ist höchste Zeit für eine ausschließlich umwelt- und biodiversitätsfreundliche Landwirtschaftförderung. Aber auch Lebensmittelhandel und Konsument*innen müssen ihren Beitrag leisten. Lebensmittel müssten dafür etwas teurer werden. Wenn all jene Konsument*innen, die es sich leisten können, zu Bioprodukten greifen, wäre schon viel erreicht! Auch ein bewussterer Umgang mit Fleisch und Milchprodukten (weniger, dafür besser) hilft den Tieren, der Umwelt und unserer Gesundheit.