Leben

Mitumba – Die Kleider 
der toten Weißen

Rund 19 Kilogramm Kleidung werden laut der Umweltschutzorganisation Global 2000 in Österreich pro Person und Jahr gekauft. Herr und Frau Österreicher geben dabei jährlich rund 9,2 Milliarden Euro aus. Billige Massenwaren und Onlinehandel ermöglichen es noch schneller, noch mehr und noch günstiger einzukaufen.

In unseren Kleiderschränken regiert die Kurzlebigkeit, Kleidung wird immer mehr zur Wegwerfware. Spätestens nach drei Jahren werden mehr als die Hälfte der Oberteile, Hosen und Schuhe ausgemustert und entsorgt. Der größte Teil davon landet im Hausmüll (in Österreich jährlich ca. 75.000 Tonnen), aber auch in Sammelstellen oder bei Haussammlungen. 

Die bedeutendsten Sammler sind Humana mit über 6.000 Tonnen und ÖPULA Rohstoff-Recycling, die stellvertretend für das Rote Kreuz und Kolping tätig ist, mit rund 10.000 Tonnen pro Jahr. Laut eigenen Angaben werden die Alttextilien getrennt und je nach Zustand in Österreich oder im Ausland weiterverkauft, zu Putzlappen oder Dämmstoffen verarbeitet oder entsorgt. Ein Teil der Erlöse kommt den karitativen Organisationen zu Gute, die mit ihren Logos wiederum den Sammelfirmen zu Profit verhelfen.

Caritas und Volkshilfe hingegen organisieren das Sammeln von Alttextilien selbst. Sie werden in Österreich sortiert und zum Teil in eigenen Second-Hand-Shops billig verkauft. Mit den Einnahmen „schaffen wir dauerhafte Arbeitsplätze und Integrationschancen für Menschen, die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben“, erklärt Martin Zwicker von der Volkshilfe Ober­österreich.

Laut einem Bericht von RepaNet, dem Re-Use und Reparaturnetzwerk Österreich, geben soziale Unternehmen allerdings lediglich 2,5 Prozent der Sammelware gratis an Bedürftige ab und verkaufen durchschnittlich 15 Prozent ihrer gesammelten Alttextilien in den eigenen Läden. Über 80 Prozent wird über den internationalen Großhandel vertrieben. Für diesen Zweck sammeln auch profitorientierte Textilhändler und lukrieren damit Gewinne in Millionenhöhe. Aus der humanen (Kleider)Spende ist ein beinhartes Geschäft geworden.

Der letzte Rest kommt nach Afrika 

Von den in Österreich gesammelten Altkleidern wird also nur ein verschwindend kleiner Teil kostenlos oder zumindest günstig an hiesige Bedürftige abgegeben. Der Rest muss dahin gebracht werden, wo es einen Markt dafür gibt. Nach Aussortierung wertvollerer Stücke, die für den (ost)europäischen Bedarf bestimmt sind, gelangen schließlich pro Jahr mehr als 400.000 Tonnen gebrauchte Kleidungsstücke über schwer durchschaubare Betriebskanäle global operierender Händler in afrikanische Länder. Die britische NGO Oxfam, die selbst in diesem Bereich aktiv ist, schätzt, dass mindestens 70 Prozent der weltweiten Kleidersammlungen in Afrika landen. Sie stellen dabei eine massive Konkurrenz zur lokalen Textilproduktion und einen Eingriff in die traditionelle Kultur dar. Viele Menschen vor Ort können oft schwer nachvollziehen, warum wir noch gut brauchbare Textilien wegwerfen – sie werden deshalb im Volksmund auch „die Kleider der toten Weißen“ genannt. Doch die Armut lässt den Menschen keine Wahl. 

Ein Bündel an Problemen

Ein Großteil der afrikanischen Bevölkerung ist auf Second-Hand angewiesen, das im Gegensatz zu chinesischen Billigimporten, die zwar neu, aber oft von schlechterer Qualität sind, eine tragbare Alternative darstellt. 

Mitumba – Swahili für „Bündel“ – ist der Name für die in Kunststoff verpackten Ballen aus Second-Hand-Kleidung, die zum Kilopreis auf afrikanischen Märkten verkauft werden. 

Die Überschwemmung  mit Billigwaren aus Europa und den USA führte zum endgültigen Niedergang der lokalen Textilproduktion, die es bereits seit den 1980er Jahre schwer hatte den von IWF und Weltbank aufgezwungenen Strukturanpassungsprogrammen standzuhalten. 

„Als der Import von gebrauchter Kleidung vor etwa zehn Jahren im großen Stil anlief, hatte das verheerende Auswirkungen auf die afrikanische Textilindustrie, zahlreiche Fabriken haben seither geschlossen“, meinte dazu Neil Kearney (2009), langjähriger Generalsekretär der internationalen Textilarbeitergewerkschaft ITGLWF.  So arbeiteten etwa vor ein paar Jahrzehnten in Kenias Bekleidungsindustrie noch 500.000 Menschen – heute sind es nur noch 20.000. In Ghana reduzierte sich die Zahl der Arbeitsplätze im Textilbereich zwischen 1975 und 2000 um 80 Prozent. Die Hälfte der verkauften Kleidung in Tunesien stammt aus „zweiter Hand“, in Uganda sind es sogar über 80 Prozent.

Inzwischen hat sich rund um das Geschäft mit Altkleidern aber auch eine neue Industrie gebildet, an der hunderttausende Arbeitsplätze – von der Sortiererin bis zum Straßenverkäufer – hängen. Ein Importverbot, wie es aktuell die ostafrikanischen Staaten Burundi, Tansania, Kenia, Ruanda und Uganda durchsetzen wollen, stößt deshalb auch auf Widerstand der eigenen Bevölkerung.